Auf großes Interesse stieß die Präsentation des neuen Buches „Wahre Volksgemeinschaft. Nationalsozialismus in Imst“ der Historikerin Sabine Pitscheider. Die Forschungsarbeit wurde zu gleichen Teilen von der Stadt Imst und dem Land Tirol finanziert. Auch die Drucklegung wurde durch die Unterstützung beider Institutionen ermöglicht. Mit dem Buch und der begleitenden Ausstellung setzt die Stadtgemeinde ein wichtiges Zeichen für Erinnerungskultur, historische Aufarbeitung und gesellschaftlichen Dialog.
Die Stadt Imst lud am 13. März 2026 zur Präsentation des Buches „Wahre Volksgemeinschaft. Nationalsozialismus in Imst“ ein. Über 200 Interessierte fanden den Weg in den Stadtsaal. Vor 88 Jahren, am 13. März 1938, jubelten tausende Österreicherinnen und Österreicher Adolf Hitler zu, als dieser den „Anschluss an das Deutsche Reich“ erklärte. Auch in der NS‑Hochburg Imst waren die Anhänger auf den Straßen und hatten bereits vor dem Einmarsch der Deutschen die Macht übernommen.
Mit der Buchvorstellung genau an diesem historisch belasteten Datum stellt sich die Stadt Imst ihrer Verantwortung und setzt ein wichtiges Zeichen für Erinnerungskultur, historische Aufarbeitung und gesellschaftlichen Dialog. Die 830 Seiten starke wissenschaftliche Publikation der renommierten Historikerin Sabine Pitscheider zeichnet ein detailliertes Bild der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Imst von den 1930er‑Jahren bis in die Nachkriegszeit. Grundlage dafür bilden die Auswertung zahlreicher Quellen und intensive Recherchen in zahlreichen Archiven.
Die wissenschaftliche Studie wurde zu gleichen Teilen von der Stadt Imst und dem Land Tirol (Förderschwerpunkt Erinnerungskultur) finanziert. Auch die Drucklegung erfolgte mit Unterstützung beider Institutionen. Das Buch ist im Studienverlag erschienen und kostet 34,90 Euro (Band 34 der Reihe „Studien zur Geschichte und Politik“).
Ausschlaggebend für die Entstehung des Buches waren zwei Ereignisse der jüngeren Vergangenheit, die die Gemeindepolitik stark beschäftigten. Zum einen kam es zu Diskussionen über eine Straße, die nach dem Imster Mundartdichter und glühenden NS‑Verherrlicher Jakob Kopp benannt war. Zum anderen sorgte der Umgang mit der Gedenkstätte für drei SS‑Mitglieder im Putzenwald, die nach dem Kriegsende von US‑Soldaten erschossen wurden, für heftige Auseinandersetzungen. Schlussendlich wurde die Straße umbenannt, die Gedenkstätte entfernt und seitens der Stadtgemeinde ein Forschungsauftrag zur umfassenden historischen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit vergeben.
Bürgermeister Stefan Weirather zeigte sich bei seiner Begrüßung erfreut über das große Interesse und verwies auf die Bedeutung der Erinnerungskultur: „Es ist wichtig, die Vergangenheit zu kennen und sich bewusst vor Augen zu führen – damit wir nicht immer wieder in die gleiche Falle tappen oder uns von Themen überzeugen lassen, die sich später als nicht sinnvoll erweisen.“
Bundesrat Christoph Stillenbacher überbrachte die Grußworte des Landes Tirol: „Die Vergangenheit ist zwar geschehen, aber sie wirkt nach. Unaufgearbeitete Geschichte zeigt sich oft in Vorurteilen oder gesellschaftlichen Spannungen von heute. Wer nicht versteht, wie der Hass zur Misshandlung von Mitbürger:innen und zur Ausbeutung von Zwangsarbeiter:innen führte, läuft Gefahr, dass sich solche Fehler wiederholen. Wegschauen ist hier deutlich gefährlicher als Hinschauen. Deshalb ist diese wissenschaftliche Aufarbeitung eine Stärke für die Stadt Imst und unser ganzes Land Tirol."
Die nun vorliegende Publikation sei daher ein „Meilenstein der Regionalgeschichte“. Sabine Pitscheider räume konsequent mit jahrzehntelang tradierten Legenden auf. Erstmals werde auch mit dem Täterschutz gebrochen und neben den Opfern auch die Täter aus der Anonymität geholt. „Eine Demokratie braucht diese ehrliche Rückschau, um wehrhaft zu bleiben. Die breite Quellenbasis garantiert, dass hier Fakten für sich sprechen“, so Stillebacher.
Landesarchivdirektor Christoph Haidacher verwies in seinen einführenden Worten darauf, dass auch im Land Tirol in den vergangenen 15 Jahren ein Paradigmenwechsel stattgefunden habe und seither intensiv an der Aufarbeitung dieser Zeit geforscht werde. „Über den Förderschwerpunkt Erinnerungskultur wurden inzwischen zahlreiche Aspekte erforscht. Viele Fachleute – auch außerhalb der Universität und des Landesarchivs – beschäftigen sich damit. Sabine Pitscheider hat in den letzten 20 Jahren Großartiges geleistet. Sie hat in ihrer neuesten regionalen Studie nicht aus zehn Büchern ein elftes gemacht, sondern durch akribische Archiv- und Quellenforschung wesentlich zum Mehrwissen an Zeitgeschichte beigetragen. Ihre Arbeit ist von größter Objektivität geprägt und kommt ohne erhobenen Zeigefinger aus. Sie bringt die Fakten auf den Punkt und die Leserschaft kann sich selbst eine Meinung bilden“, lobte Haidacher.
Für Reihenherausgeber Horst Schreiber (Wissenschaftsbüro Innsbruck / ERINNERN:AT) ist das Buch die bisher umfangreichste Studie über die NS‑Zeit in Tiroler Gemeinden. Der Band umfasse eigentlich drei Bücher: die Zeit vor 1938, die NS‑Diktatur von 1938 bis 1945 und die Aufarbeitung nach dem Krieg. „Solche Studien erzeugen oft emotionale Reaktionen, weil man die lokalen Gegebenheiten kennt. Und es werden Mythen zerstört. Imst war eine besondere Stadt: Nirgendwo in Tirol waren die Wochen nach dem 'Anschluss' so gewalttätig und von Rachsucht geprägt.“
Die Stadt Imst habe sich ihrer historischen Verantwortung gestellt und den Forschungsauftrag vergeben. „Es gab keinerlei Zensur oder inhaltliche Vorgaben. Sämtliche Dokumente des Stadtarchivs wurden zur Verfügung gestellt“, betonte Schreiber.
Autorin Sabine Pitscheider stellte in ihrem Vortrag die wichtigsten Eckpunkte und Ereignisse dar. In den 1930er Jahren lebte die Bevölkerung von Imst hauptsächlich von der Landwirtschaft, arbeitete in der Textilindustrie oder in Gewerbebetrieben; politisch wählte sie konservativ rechte Parteien. Die Weltwirtschaftskrise führte zu Verarmung, Schulden sowie steigender Arbeits und Hoffnungslosigkeit.
Im Herbst 1931 entstand in Imst eine Ortsgruppe der NSDAP, der bald honorige Bürger der Stadt beitraten – darunter der Stadtarzt, der Apotheker und Kaufleute. Auf ihr Drängen ernannte der Imster Gemeinderat im März 1933 den deutschen Reichskanzler Adolf Hitler zum Ehrenbürger der Stadt.
Es folgten zahlreiche gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialisten und der Heimatwehr, die Imst in den Ausnahmezustand versetzten. Auch nach dem Verbot aller NS Organisationen und der Errichtung des Ständestaats kam die Stadt nicht zur Ruhe. Bis zum „Anschluss“ agierte die NSDAP im Untergrund. Fanatische Imster wurden monatelang in Anhaltelagern festgehalten oder flohen ins Deutsche Reich.
Die Mehrheit der Bevölkerung feierte den „Anschluss“ im März 1938 begeistert, während einige wenige unter Gewalt und Fanatismus der Sieger litten. Eine „Adolf Hitler Eiche“ erhielt Imst nicht, da es bei der Volksabstimmung am 10. April 1938 eine Gegenstimme gab. Nach einem kurzen Osterfrieden entlud sich der Hass erneut in brutalen Misshandlungen von „Systemgegnern“. In der „Schreckensnacht“ vom 26. April 1938 wurden NS Gegner in einem Schandumzug durch die Stadt getrieben.
Das NS-Regime etablierte ein umfassendes System der Überwachung und Kontrolle aller Lebensbereiche. In den Kriegsjahren profitierte die Imster Wirtschaft von der Ausbeutung von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter:innen.
Nach der Befreiung zog sich der Wiederaufbau über Jahre. Kriegsverbrecherprozesse gegen Imster Bürger waren monatelang Stadtgespräch. Die Strafen fielen aber meist gering aus. Nach der ersten freien Gemeinderatswahl im Jahr 1950 waren die Hälfte der gewählten Mandatare im Stadtparlament ehemalige Mitglieder der NSDAP. Diese Kontinuität, die ausgebliebene Auseinandersetzung und die Legendenbildung führten dazu, dass dem ehemaligen NS-Bürgermeister Ferdinand Jenewein im Jahr 1965 die Ehrenbürgerschaft verliehen wurde – jenem Mann, der 1933 maßgeblich die Ehrenbürgerschaft für Adolf Hitler vorangetrieben hatte.
Die NS-Zeit und die Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus hinterließen in Imst keine sichtbaren Spuren, immer wieder aufflammende Diskussionen verdeutlichen jedoch den problematischen Umgang mit der Erinnerung daran.
Begleitend zur Publikation zeigt das städtische Museum im Ballhaus von 14. März bis 5. September 2026 die Ausstellung „Nationalsozialismus in Imst“. Anhand zahlreicher Fotografien, Plakate, Flugzettel und filmischer Dokumente wird die Entwicklung der Stadt von den 1930er-Jahren bis in die Nachkriegszeit anschaulich dargestellt. Alle Infos auf www.imst.gv.at/kultur.